Arbeiten im Ausland: Wie ist es im Walt Disney World Resort in Orlando zu arbeiten?

Walt Disney World Orlando in Florida bietet einjährige Beschäftigungsmöglichkeiten – auch für Deutsche als sogenannte „Cultural Representatives of Germany“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“. Während meines zweitägigen Besuchs in den vier Themenparks nahm ich mir die Zeit, mit einigen dieser deutschen Mitarbeiter im deutschen Länderpavillon in Epcot über ihre Erfahrungen zu sprechen. Grund dafür war die Aussage der Frau, die ich beim Georgia Elvis Festival kennenlernte und mir als Mitarbeiterin der Hollywood-Studios den gratis Eintritt in die Parks verschafft hat: „Working for Disney ist not magical at all!“ (auf Deutsch also: Arbeiten für Disney ist nicht im Ansatz zauberhaft!). Was ich von den deutschen Mitarbeitern dann erfuhr, hat meine Befürchtungen dann aber nochmals übertroffen …

Epcot Themenpark in Walt Disney World Orlando: Der deutsche Länderpavillon.

Epcot Themenpark in Walt Disney World Orlando: Der deutsche Länderpavillon.

Maria (Name geändert) ist 20 Jahre alt und arbeitet seit über einem halben Jahr im Epcot-Themenpark. Ihre blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und sie trägt eine Disney-Uniform. Den ganzen Tag ist sie umgeben von deutschen Süßwaren sowie Christbaumschmuck und erzählt mir von der Sonderregelung, die exklusiv für den deutschen Pavillon besteht. Wenn jemand hier beleidigt oder bedroht, gibt es extra Sicherheitsmitarbeiter, die gerufen werden können. Grund dafür ist Deutschlands Hitler-Vergangenheit. Entsprechende Beleidigungen und (meist verbale) Angriffe sind wohl keine Seltenheit und die Mitarbeiter sind dazu angehalten, in solch einem Fall zeitnah einen Sicherheitsmitarbeiter hinzuzuziehen.

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Inmitten der überteuerten deutschen Souvenirs hat Maria gerade einem Amerikaner erklärt, dass ihr Namensschild mit deutscher Ortsangabe kein Scherz ist und sie tatsächlich von dort kommt. Als Beispiel für die nervigsten Fragen und Aussagen nennt sie unter anderem: „Lebt Hitler noch?“, „Gibt es in Deutschland Autos?“, „Du hast mich gefälligst jetzt zu ehren – ich hab immerhin Dein Land von Hitler befreit!“, „Der Adler kann kein Symbol von Deutschland sein – der ist schon unser Symbol!“ sowie „Ich bin auch Deutscher … also mein Urgroßvater war ein paar Monate in Deutschland!“ Eine ihrer Aussagen ist bei mir ebenso wie jene der Disney-Mitarbeiterin vom Elvis Festival besonders hängen geblieben: „Es gibt auch schöne Tage!“

Epcot Themenpark in Walt Disney World Orlando: Das Biergarten-Restaurant im deutschen Länderpavillon.

Epcot Themenpark in Walt Disney World Orlando: Das Biergarten-Restaurant im deutschen Länderpavillon.

Auch Louise (Name geändert), die seit zwei Monaten in Epcot arbeitet, ist nicht sonderlich begeistert – und das liegt nicht (nur) an der bayerischen Tracht, die sie den ganzen Tag trägt. Die Arbeitsverhältnisse seien wesentlich schlechter als in Deutschland. Jeden Tag könne ihr ohne Vorwarnung gekündigt werden, betont sie. Mag für Deutsche tatsächlich hart klingen, ist für US-Verhältnisse aber nicht ungewöhnlich. Die Bezahlung läge bei neun Dollar pro Stunde – mit ein wenig Spielraum nach oben. Sie hofft, bald einen anderen Job im deutschen Pavillon zu bekommen und dann besser zu verdienen. Einen Tag die Woche hat sie aktuell aufgrund der Personalsituation frei, ansonsten sind es eigentlich zwei Tage. Sie arbeitet meist von etwa neun Uhr morgens bis 23:00 Uhr abends. Urlaubstage sind knapp – wenn dann geht es mit Kollegen ans Meer.

Housing bietet Disney zum Beispiel in Vierer- oder Sechser-WGs an. Die Miete muss vom Einkommen gezahlt werden und sei „nicht allzu teuer“. Konkrete Preise möchte niemand nennen, meine Recherche ergab aber einen Mietpreis von durchschnittlich knapp unter 400 Dollar pro Monat. Dafür berichtet Louise aber von der seit Tagen defekten und bereits reklamierten Dusche in ihrer Sechser-WG, weswegen trotz zweier Bäder aktuell nur noch eine Dusche für alle Personen zur Verfügung steht. Was das bei ähnlichen Arbeitszeiten für Stress bedeutet, muss wohl nicht näher erklärt werden … Bereits Maria hatte mir von stark verschimmelten Wänden berichtet – eine Info, die auch Louise und ihre Kollegen bestätigen. Mit einem Bus ist der Transfer von den Wohnungen zu den Themenparks gratis möglich. Die Busse seien aber „auch schon sehr alt“ und nicht 100 Prozent zuverlässig …

Epcot Themenpark in Walt Disney World Orlando: Laut den Souvenirs im deutschen Länderpavillon ist Deutschland für Gurken am Weihnachtsbaum bekannt.

Epcot Themenpark in Walt Disney World Orlando: Laut den Souvenirs im deutschen Länderpavillon ist Deutschland für Gurken am Weihnachtsbaum bekannt.

Insgesamt habe ich mit sieben Disney-Mitarbeitern gesprochen. Sechs sind im Restaurantbereich tätig (Epcot und Hollywood Studios) und einer an der Kasse (Epcot). Nur die Frau an der Kasse sowie eine Servicekraft der Hollywood Studios mögen ihre Jobs (beide Amerikanerinnen). Ein junges Mädel aus Deutschland war so weit zufrieden, aber auch erst den dritten Tag da. Sie meinte außerdem, in diesen drei Tagen schon sehr viel Schlechtes gehört zu haben. Zurück zu Maria, die mir zuflüstert, dass sie die zwölf Monate Gültigkeitsdauer ihres Visums nicht ausnutzen, sondern vorzeitig abbrechen wird. Das Leben in Florida, das sie eigentlich liebt und weshalb sie sich auch vor allem für das Programm entschieden hat, könne den Job und die Lebensbedingungen einfach nicht kompensieren. “Ich würde es nicht wieder machen!“, seufzt sie unzufrieden und augenrollend.

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Es sind 9 Kommentare vorhanden Kommentieren

  1. Livia /

    Wow, klasse Beitrag! Es sieht alles immer so rosig aus von außen, aber man sieht ja als Tourist und Besucher selten genauer hin.

    1. Claire / Post Author

      Liebe Livia,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! Es ist schon krass, ja. Klar, Disney ist auch nur ein gewinnorientiertes Unternehmen und man kann sich ja denken, dass alles nicht sooo „magical“ ist. Ich hätte sowieso mit zu langen Arbeitszeiten und wenig Urlaubstagen gerechnet, wie man das aus den USA ja kennt. Aber so Sachen wie verschimmelte Wohnungen und kaputte Duschen sind dann doch schon noch mal was anderes …

      Alles Liebe,
      Claire

  2. leseratte /

    Ich war auch bei Disney – 2009 (lang ist es her ;)) – und habe das Jahr durchgezogen. Es war eins der geilsten Jahre meines Lebens und auch, wenn ich es ums verrecken nicht noch mal machen würde, bereut habe ich es niemals.

    Klar ist einiges doof, die Leute stellen beknackte Fragen, auch die Manager können nerven (manche beschweren sich auch, dass man angeblich kein Englisch lernt in diesem Jahr), aber es liegt auch vieles an einem selbst, finde ich. Wer sich unter 21 mit Alkohol oder Drogen erwischen lässt, bekommt nun mal Ärger.

    Ich finde es schade, dass viele immer nur am meckern sind, und vergessen, dass so ein Jahr auch unheimlich wertvoll ist. Abgesehen davon, dass jeden Tag Party war, weil immer irgendwer was zu feiern hatte, hat sich auch Disney darum gekümmert, seine Mitarbeiter bei Laune zu halten. Es gab immer verschiedene Events, die organisiert wurden, Partys ect. Man hat Leute aus aller Welt kennen gelernt, mit denen ich teilweise heute noch befreundet bin (ein ehemaliges japanisches Roomie habe ich dieses Jahr im September in Tokio besucht) – und Zeit zum reisen war auch. An zu wenig Freizeit kann ich mich nicht erinnern.

    Übrigens waren viele, die in Amerika nur am Schimpfen waren, wie scheiße doch alles ist, interessanter Weise ein zweites Mal da (ein ganzes Jahr!) oder haben sich zumindest ein zweites Mal beworben. So schlecht kann es also nicht gewesen sein ;)

    Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt, und Disney ist einer der größten Arbeitgeber in Florida, da ist es nahezu vorprogrammiert, das krumme Dinge hinter den Kulissen abgehen (und ich habe genug davon gesehen), aber trotz Heimweh, Streit, doofen Gästen und Managern habe ich das Jahr sehr genossen.

    1. Claire / Post Author

      Liebe Leseratte,

      vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Ich habe selbst auch die Erfahrung gemacht, dass ein Auslandsaufenthalt viel mehr ist, als der Job, den man dort macht. Selbst wenn der nicht so toll ist, kann man immer noch die beste Zeit daraus machen – man muss es nur wollen!

      Sehr spannend jedenfalls, noch eine neue Sichtweise kennenzulernen! Ich finde es vor allem super, dass Du nach so vielen Jahren noch Kontakte aus der Zeit pflegst und Deinen Aufenthalt nicht bereust!

      Alles Liebe,
      Claire

  3. Anne /

    Sehr schöner Artikel!
    Ich bin momentan auch in der Planung für meine Auslandsaufenthalt (muss durchs Studium mind. 3 Monate ins Ausland) und in der Uni wurde von der Möglichkeit für Disney zu arbeiten berichtet. Da wurde aber gesagt, dass das eine Jahr verpflichtend ist und man nicht nach 3 Monaten abbrechen dürfte- hat da jemand Erfahrungen mit?
    Ich kann das verstehen, dass das für die Veranstalter immer mit Kosten verbunden ist, aber da man ja selber so „viel“ organisieren muss (Auslands-Krankenversicherung, Visa-Gebühr, Taschengeld für die ersten Wochen), aber wäre ein vorzeitger Ausstieg mit „Strafen“ verbunden?

  4. Luna /

    Liebe Leseratte,

    vielen Dank für dein Kommentar. Nach lesen des Beitrags war ich bereits auf 180, aber du hast die Wogen glücklicherweise geglättet. Ich habe auch das Jahr als Cultural Representative gemacht – und zwar bereits 2005/ 2006. Das ist richtig lange her und ich denke auch heute noch regelmäßig an die Zeit zurück, die nicht nur mich, sondern auch mein komplettes Leben positiv beeinflusst hat. Auch für mich – und alle Freunde, die ich aus dieser Zeit noch habe (und das betrifft fast meinen gesamten Freundeskreis) ist es „die geilste Zeit meines Lebens gewesen“. Ich halte noch immer Kontakt zu meinen Freunden, die in ganz Deutschland verteilt sind und auch zu meinen roommates aus Frankreich, Mexico und Norwegen habe ich noch sehr guten Kontakt. We are sisters for a lifetime! Ich kann nur allen empfehlen, die Interesse an der Arbeit dort haben – MACHT ES! Ihr werdet über euch hinaus wachsen, großartige Freunde finden (wenn ihr das möchtet), viel feiern und auch die Möglichkeit haben an freien Tagen durch die USA zu reisen. Der Job ist in Ordnung, wenn man arbeiten gewohnt ist ( Glaubt ihr in der deutschen Hotellerie/ Gastronomie ist es weniger stressig?) und Disney und auch der Housing Komplex haben sich immer um einen gekümmert, wenn Hilfe nötig war. Und wenn man mit unter 21 Jahren mit Alkohol erwischt wird oder an der Arbeit eine Brezel mitgehen lässt, dann ist das Diebstahl und dafür würde man auch zu Hause entlassen werden. Es kommt also immer auch darauf an wie man sich verhält.

    @ Anne: Das Q1 Visum ist für 13 Monate ausgestellt. 12 Monate arbeiten und 1 Reisemonat am Ende. Den Hinflug bezahlst du selbst. Wenn du das Jahr beendet hast, dann bezahlt dir Disney den Rückflug und du bekommst einen „finale letter“ (eine Art Zeugnis, dass du dort gearbeitet hast). Wenn du vorher abbrichst, bekommst du weder die Zahlung, noch das Zeugnis. Eine Strafe bekommst du nicht! Freunde von mir haben auch abgebrochen, weil sie zum Studium wieder zurück wollten.

  5. Gabi /

    Ist man denn auch krankenversichert?

  6. Lisa /

    Ich würde gerne im Sommer 2017 mit meiner Freundin solch ein Abendteuer erleben. Doch wir sind aus der Schweiz, gibt es trozdem eine Möglichkeit uns anzumelden? & wie?

  7. Leseratte /

    Hallo Lisa,

    das geht leider nicht, da meines Wissens nach die deutsche Staatsbürgerschaft für dieses Programm Voraussetzung ist.

    Allerdings bietet International Services mit Sitz in Frankreich sicherlich auch etwas für Schweizer an.

    @Gabi Ich war während der Arbeit krankenversichert (glaub 4 Dollar die Woche, wurde direkt vom Gehalt abgezogen), aber eine private Krankenversicherung ist dringend zu empfehlen.

    @Luna Freut mich :) Ich möchte irgendwann mal wieder nach Florida und meinem Mann zeigen, wo ich mal gearbeitet habe.

    Leseratte

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