Wie ist es eigentlich, am Meer zu wohnen?

„Wenn ich in Miami wohne, gehe ich jeden Tag an den Strand!“ Das habe ich tatsächlich gesagt, ja. Im Endeffekt zog ich nicht nach Miami, sondern nach Miami Beach in Florida. Wo sollte man in Miami auch schon wohnen? Einzig Downtown wäre attraktiv – ist aber zu gefährlich. Klar, Coral Gables und so. Schicke Häuser, teure Autos. Aber auch teure Mieten und stundenlange Rush Hour – und ganz ehrlich? Beides hält sich in Miami ja sowieso schon nicht in Grenzen. Was mir alleine auf Wohnungssuche alles unterkam, darüber folgt ein eigener Beitrag. Aber zurück zum Strand. Ich ziehe also nach Miami Beach. Nicht in den Teil mit den Sauftouristen. In den „Locals“-Teil. Bay-Seite. Eine Minute bis zum Downtown-Blick. Fünf Minuten bis zu den prunkvollen Yachten der Schönen und Reichen. 15 Minuten bis zum Strand. Ziemlich perfekt für mein Vorhaben! Könnte man jedenfalls denken …

Sonnenuntergang an der Bay in Miami.

Sonnenuntergang an der Bay in Miami.

Wie ist es eigentlich, am Meer zu wohnen? Das werde ich in der Zeit oft gefragt. Ich habe verschiedene Antworten parat, von denen ich zwei am ehesten nutze. Erstens: teuer! Zweitens: Weiß nicht, ich bin da eigentlich nie. Ich war noch nie der riesige Fan von Meer oder Strand. Palmen liebe ich. Da wurde mir im Voraus immer von allen Seiten gesagt: „Das wird sich nach ein paar Wochen so schnell erschöpfen … Am Ende sind Palmen gar nichts Besonderes mehr!“ … Sorry – da muss ich alle enttäuschen. Ich habe mich tatsächlich die gesamte Zeit lang über jede Palme gefreut, die ich gesehen habe. Nichts hat sich erschöpft. Wie ist das jetzt also mit dem Meer? Da hat sich auch nichts erschöpft – das kam eigentlich gar nicht erst ins Rollen …

Nach der ewigen Wohnungssuche war ich erst mal froh, überhaupt etwas gefunden zu haben, das dann sogar noch bezahlbar und ohne „Knebelvertrag“ war. Also Einzug in die Zwei-Zimmer-Wohnung in South Beach. Wie amerikanisch sich alles anfühlte. Wie sportlich alle waren – vor allem, je näher man zum Strand lief. Wie „crazy“ alle rumliefen. Aber was andere tragen oder machen: niemanden interessiert’s. Niemanden? Nein, wirklich niemanden. Das lerne ich schnell. Dennoch bin ich die erste Zeit lang noch hoch motiviert. Abends ab zum Strand. Die Ernüchterung folgt schnell – dazu ein paar ausgewählte Geschichten …

Straßenschild in Miami nach Miami Beach.

Straßenschild in Miami nach Miami Beach.

Wenn man abends erst zum Strand geht, ist da die Woche über nicht mehr so viel los. Das ist gut. Was nicht gut ist, ist der Sonnenstand. Die Sonne ist dann nämlich schon hinter den Hochhäusern und somit ist am Strand sehr viel Schatten. Wenn er noch nicht da ist, wandert er verdammt schnell. Im Schatten liegen macht nicht so viel Spaß. Ständig der Sonne hinterher pilgern auch nicht. Außerdem wird es in Miami auch im Sommer immer recht früh dunkel. Das Meer: Der Atlantik ist mir meist zu frisch. Teste ich dennoch ein paar Mal, gehe aber nicht weit rein. Jedes Mal nur so weit, dass ich stehend nur bis knapp über Taille im Wasser bin. Irgendwann denke ich, in einer Welle nicht weit von mir etwas wie einen Delfin zu sehen. Delfin, wie schön! … Oder Hai. Hai? Hai! Plötzlich fangen alle an zu kreischen und einige schreien: „Get out of the water! SHARKS!“ … Alle rennen. So schnell war ich glaube ich noch nie aus dem Wasser. Am Strand sind schon alle aufgestanden, starren aufs Meer. Nach rund zehn Minuten planschen sie wieder vergnügt im türkisfarbenen Wasser herum. Ich packe.

Am Wochenende macht es gar keinen Spaß. Touristen über Touristen. Laute Touristen. Etliche Locals, die kein Wort Englisch können, ihre Familienfeiern unter riesigen Pavillons abhalten und tatsächlich riesige Stereoanlagen mit personenhohen Boxen aufstellen. Die Musik dröhnt, was sich aber nur in den Motorenlärm der Kleinflugzeuge mischt, die eigentlich ununterbrochen über South Beach kreisen und Bannerwerbung für die wildesten Partys und das hemmungsloseste Aufreißen am Abend machen. Sicher spielt auch irgendwer noch ein Ballspiel. Klock, klock, klock. Ach ja: und die Kinder derer, die kein Englisch können, spielen Fußball. Mit Deinem Kopf oder Bauch. Alleine bei einem Strandbesuch bekomme ich den Ball innerhalb von 20 Minuten dreimal mit voller Wucht ab, beim vierten Mal werfe ich ihn wütend und zielend zurück. Die Eltern sitzen ein paar Meter neben mir, starren mich nur ausdruckslos an. Schon erwähnt? Niemanden interessiert’s! Ich packe. Fahre zu einem anderen Strand. Alles ist voll mit toten und lebendigen Würmern – im Wasser und im Sand. Ich packe.

Der schmale Miami North Beach mit weniger Touristen als South Beach.

Der schmale Miami North Beach mit weniger Touristen als South Beach.

Mein persönliches Highlight: Ich bin die Woche über endlich mal früher am Strand. Noch nicht viel Schatten, ein toller Sonnenplatz. Ein paar Meter vor mir sitzen zwei Männer. Nur Handtücher haben sie dabei. Der eine Mann steht auf und läuft zum Meer. Gerade als ich mich wieder hinlegen will, dreht sich der andere Mann sitzend zur Seite und beugt seinen Kopf über den Sand neben dem Handtuch, auf dem er sitzt. Er öffnet den Mund, sein Körper macht eine minimale zuckende Bewegung und die Kotze läuft ihm aus dem Mund! Einfach so! Das geht so noch ein paar Sekunden, dann wischt er sich den Mund mit dem Handrücken ab. Er greift zu seinem Flip Flop und schaufelt locker-flockig eine Schicht Sand über sein Erbrochenes. Dann sitzt er einfach nur noch da und blickt auf das Meer. Ich finde mich mit offenem Mund starrend wieder und erneut: ich packe.

Die Strände weiter im Norden, insbesondere ab der 79. Straße, sind nicht so. Hier verirren sich weniger Touristen hin. Aber da abends noch extra hinfahren? Bei dem Verkehr? Macht man irgendwie auch nicht. Obwohl Parken dort abends teils gratis ist. Ansonsten ist es ja ziemlich nett, wenn man weit weg vom Strand lebt und einen Tagesausflug macht: Früh aufstehen, alles ins Auto laden, ein paar Stunden fahren, sich freuen, eincremen, einrichten, hinlegen, ins Meer, wieder liegen, irgendwann fahren. Wenn man aber jeden Tag so etwas machen will, weil man am Meer wohnt, sieht das erst mal ähnlich aus, aber dann hat man plötzlich die Wohnung voller Sand, das Strandhandtuch muss auch schon wieder gewaschen werden und die Haare sind schon wieder voller Sand und Salzwasser. Obwohl man doch gerade erst duschen war, fühlt man sich nach 30 Minuten am Meer so, dass man schon wieder duschen muss. Der Aufwand ist ähnlich hoch, wie bei einem Tag am Meer – nur mit dem Unterschied, dass man das abends noch in den Alltag schieben müsste. Macht also auch nicht so viel Spaß.

Blick von Miami auf den nach Miami Beach führenden Julia-Tuttle-Causeway.

Blick von Miami auf den nach Miami Beach führenden Julia-Tuttle-Causeway.

Wie ist es eigentlich, am Meer zu wohnen? Meine dritte Antwort ist: irgendwie schon schön! Der Weg zur Arbeit über einen der Causeways hat mir schon früh morgens ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Der Ausblick ist einfach traumhaft – auch wenn es nur der Blick auf die Bay ist. Abends habe ich liebend gerne Sushi oder Panda-Express-Essen auf der Mauer am Bay gegessen, unter mir die Fische, vor mir Downtown. Gegen 17 Uhr fahren die gigantischen Kreuzfahrtschiffe direkt an der Ecke von South Beach vorbei auf große Reise: ein fantastischer Anblick, der sich auch immer wieder lohnt! Einfach nur die Meeresluft zu riechen und eine halbe Stunde den hölzernen Weg am Strand entlang zu laufen ist wirklich super.

Im Meer war ich in Miami tatsächlich fast nie. Ich habe außerdem auch mehr von anderen Stränden gesehen, als von den Stränden in und um Miami Beach. Aber dennoch ist es wirklich toll, einfach die Möglichkeit zu haben – auch wenn man sie vielleicht nicht so nutzt, wie man es sich vorgestellt hat. Insgesamt habe ich die Zeit in Florida ausgiebig genutzt, um mir andere Strände und Orte anzusehen und den Staat kennen und (noch mehr) lieben zu lernen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich tatsächlich eher nach Orlando ziehen und von dort aus dann immer mal Ausflüge zum Meer machen. Die Nähe zum Meer reicht mir – direkt am Meer leben muss ich jedoch nicht unbedingt …

Folge Claire unter Bluebayouco auf Instagram!

Es sind 2 Kommentare vorhanden Kommentieren

  1. Steffi /

    Dein Blog, eben erst entdeckt, ist wirklich super. Ich freue mich jetzt schon durch deine ganzen Reiseberichte zu klicken. Hoffentlich findest du bald noch Gelegenheit die Vorteile am Meer zu wohnen zu erleben.
    Liebe Grüße und genieß die Sonne.
    Steffi

    1. Claire / Post Author

      Hallo Steffi,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Am Meer wohne ich inzwischen nicht mehr und strebe das aber auch nicht mehr an. Die Wärme rund ums Jahr ist mir inzwischen viel wichtiger …

      Alles Liebe,
      Claire

Hinterlasse einen Kommentar